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(Der neue Tag Weiden, Regionalkultur vom 19. September 2011)
Lieder von Armut, Leid und Kolchosenglück
Schmidt-Haus Nabburg: Das Modern-Klezmer-Quartett auf den Spuren von Dmitri
Schostakowitsch
Nabburg. "Wer jetzt noch nicht sicher ist, was ihn
erwartet, jetzt ist die letzte Möglichkeit zu gehen." Ehrlich gesagt, so
ganz sicher war sich keiner im überschaubaren Besucherkreis. Schostakowitsch
stand irgendwie auf dem Programm und irgendwie auch nicht. Musik der russischen
Moderne in der Bearbeitung durch ein Klezmer-Quartett. Wer weiß da schon, was
ihn erwartet. Gegangen ist dennoch keiner.
Gewagter Brückenschlag
Das lag zum großen Teil an Andrea Pancur, die in Nabburg längst keine
Unbekannte mehr ist. Nicht nur auf der kleinen Schmidt-Haus-Bühne gilt die
erfahrene Klezmer-Sängerin als Garantin für tiefschürfende, Grenzen
überschreitende Programme. Doch das, was das Publikum an diesem Abend
erwartete, war nun völlig neu. Mit den "Liedern aus jüdischer
Volkspoesie" des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch wagte man
erstmals den Brückeschlag zwischen Klezmer und klassischer Moderne. Entstanden
ist der Liederzyklus für drei Stimmen und Orchester im Jahr 1948. Als Vorlage
dienten Schostakowitsch ostjiddische Volkslieder, die von Andrea Pancur knapp
sechzig Jahre später in Archiven in Paris und New York aufgefunden wurden.
Basierend auf diesen originären Liedern und auf Schostakowitschs Klavierauszug
schufen Andrea Pancur und Franka Lampe vor fünf Jahren eine Bearbeitung für
Singstimme (Andrea Pancur), Violine, (Johannes Gräßer), Akkordeon (Franka
Lampe) und Kontrabass (Alex Haas), die das Modern-Klezmer-Quartett am
Freitagabend in Nabburg vorstellte.
Klangliche Reibereien
Auch wenn die Quartettbearbeitung in Besetzung und melodischem Duktus den
Schwerpunkt auf die Klezmer-Anteile legt, Schostakowitschs moderne Klangsprache
ist und bleibt eine fordernde. Mit schneidenden Dissonanzen, klanglichen
Reibereien und freitonaler Melodieführung vertonte er die bilderreichen
Liedvorlagen. Lieder, die von Trennung, Armut und Tod erzählen. Von der Spinne
auf dem Haus, die ihr dichtes Netz webt und den Bewohnern die Kraft aus den
Knochen saugt. Von der hässlichen Fratze eiskalter Winternächte. Und das in
einer packenden Eindringlichkeit und Grundtraurigkeit, die nicht nur das
Schmidt-Haus-Publikum zutiefst berührte, sondern seinerzeit auch das
hellhörige Politbüro auf den Plan rief.
Nicht zum ersten Mal zwang damals das stalinistische Regime Schostakowitsch in
die Knie und forderte ein politisch korrektes Happy End. Nolens volens schickte
dieser drei Lieder vom Kolchosenglück hinterher, deren ironisch
übersteigerter Jubelton von den Ensemblemitgliedern herrlich parodistisch
wiedergegeben wurde.
Eine entspannende Dreingabe gab es nach der Pause, als die vier Musiker die
originalen Liedvorlagen noch einmal vortrugen. Unbearbeitet, im vertrauten
Klezmergewand, aber mit derselben Emotion und Intensität, mit der das Quartett
auch im anspruchsvollen ersten Teil zu fesseln vermochte. Langanhaltender
Applaus für einen außergewöhnlichen Abend im Nabburger Schmidt-Haus.
Von Andrea Prölss
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(Augsburger Merkur
vom 23. Juli 2009)
Verdichtete Emotionen eines Bedrängten
Das Modern Klezmer Quartet wagt im Fools den Brückenschlag zwischen
Schostakowitsch und jiddischen Volksweisen Holzkirchen -
Schostakowitsch und Klezmer, geht das? Klingt das? Das Modern Klezmer Quartet
riskierte am Dienstag im Holzkirchener Fools- Theater diesen Brückenschlag.
Dmitri Schostakowitsch, einer der herausragenden Komponisten des modernen
Russland, hatte 1948 den Zy- klus "Lieder aus jüdischer Volkspoesie"
vertont - für großes Orchester. Alle elf Lieder basieren auf Volksliedern,
die das Modern Klezmer Quartet wieder ausgegraben hat. Daraus entwickelten die
Vollblut-Musiker ein Projekt: Das Quartett verdichtete die
Schostakowitsch-Lieder auf dessen Klezmer-Essenz - und stellte dem Publikum
nach der Pause die "Original"-Lieder vor, die dem Komponisten als
Vorlage gedient hatten. Ein spannungsreicher Gegensatz.
Nicht nur ein Konzert, auch eine Art "Workshop" erlebten die 65
Gäste im Fools. Denn der Abend war eingebettet in die Agora-Reihe der Volks-
hochschule, deren Gschäftsführer Thomas Mandl den Auftritt moderierte. Nach
dem Schlussapplaus stellten sich die Künstler seinen und des Publikums Fragen.
Die meisten Zuhörer konnten dem zweiten Teil des Auftritts mehr abgewinnen:
Hier dominierte der typische Klezmer-Schwung mit eingängigen Melodien, heiter
und melancholisch, getragen vor allem von der ausdrucksstarken Stimme Andrea
Pancurs. Die Münchnerin genießt in Klezmer- Kreisen einen guten Ruf: 1994
hatte sie das Sextett Massel-Tov gegründet und damit schöne Erfolge gefeiert.
"Aber nach 15 Jahren war mal was anderes dran", bekannte sie im
Fools. Ihre Mitstreiter waren nicht minder handverlesen: Horst Nonnenmacher am
Kontrabass (ehedem Bandleader im "Eckart-Witzigmann-Palazzo"), Franka
Lampe am Akkordeon und Johannes Gräser an der Geige.
Schostakowitsch legte den Liederzyklus todtraurig an, voller Verzweiflung und
Klage. Das spiegelte seine Stimmung im Entstehungsjahr 1948 wieder. Die Zensur
Stalins beschuldigte ihn, den international gefeierten Künstler, der
"Volksfremdheit". Auf Druck der Sowjets musste er drei staatstragende
Lieder dazuschreiben - was er in seiner freitönigen Genialität ironisch zu
brechen verstand.
Die Auseinandersetzung mit der Vorlage, wie sich der begnadete Schostakowitsch
von der Tanz- und Festmusik der jiddischsprachigen Juden Osteuropas inspirieren
ließ - für Andrea Pancur ist das "Futter fürs Hirn". Das Quartett
filterte die Emotionalität heraus, zum Teil mit lautmaleri- schen Mitteln,
wenn etwa der Winter hochtönig und kratzend klirrt.
Zugegeben, das war zuweilend anstrengend. Der zweite, gelöste Teil des Abens
mit verspielten Improvisationen und erdigem Klezmer-Sound machte bessere Laune.
Doch der Schostakowitsch-Brückenschlag zuvor offenbarte nicht weniger als ein
Stück Musikgeschichte und er zeigte: Klezmer erzählt viele Geschichten.
ANDREAS HÖGER
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(Süddeutsche Zeitung
vom 16. Januar 2009)
Zwischen tiefem Leid und Leidenschaft
Das Ensemble um Andrea Pancur überwindet die Grenzen von E- und
U-Musik/Auftritt in Gilching Seefeld - Die Veranstalter hätten
wohl kaum ahnen können, welche traurige Aktualität der mit Klezmer-Musik und
dem Film "Lemon Tree" (Israel 2007) konzipierte Abend letztlich
bekommen würde. Die Reihe Jazzperado im Seefelder Breitwandkino startete also
vor brisantem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts
einerseits mir der Besinnung auf kulturelle Werte, andererseits mit einer die
Versöhnung preisenden cineastischen Botschaft. Dass sich die Lounge zum
Konzert gänzlich füllte, lag aber auch am modern klezmer quartet, in
dem vor allem die einstige Massel-Tov-Begründerin und Sängerin Andrea Pancur
als Garantin für tiefschürfendes Programm einstand.
Aber auch Franka Lampe (Akkordeon), Georg Brinkmann (Klarinetten und Saxophon)
sowie Horst Nonnenmacher ( Kontrabass) sind in der Klezmerszene längst
etablierte Größen.
Der Weg, den das Ensemble eingeschlagen hat, ist indes neu, wenn auch in der
Überwindung der Grenzen zwischen E- und U-Musik zeitgemäß. Dmitri
Schostakowitschs Liederzyklus "Aus jüdischer Volkspoesie" für drei
Stimmen von 1948, unter op.79a vom Komponisten selbst für Orchester gesetzt,
ist an sich bereits Grenzen überschreitend. Schostakowitsch, der als
Filmmusikkomponist hier ohnehin ins Konzept passte, hatte darin ostjüdische
Lieder in seinem behutsam freitonalen Stil verarbeitet. Selbst wenn das modern
klezmer quartet die orchestrale Vorlage sehr frei auf die farbige
Instrumentierung des Ensembles übertrug, wurde dennoch deutlich, wie eng die
jüdische Musik mit der eigenwilligen Harmonik, bisweilen auch Melodik
Schostakowitschs verwandt ist.
Die acht klangvollen und grundtraurigen Lieder von Tod, Elend, Trennung und
Not, deren Abgründe Andrea Pancur zumindest in den Erläuterungen etwas von
Schmerz und Finsternis zu befreien bemüht war, verlagerten ihren Duktus in den
einfühlsam emotionalen Interpretationen des Ensembles zu klangmalerisch
vertonten Erzählungen hin. Selbst in den drei angefügten Liedern ohne
jüdische Vorlagen zur Bauchpinselung des stalinistischen Regimes, den
parodistisch übersteigerten Lobpreisungen des Kolchosenglücks, blieb der
narrative Charakter bestehen, wenn auch melodiös verflacht.
Die klangmalerisch umrahmte Erzählung ist letztlich das Kennzeichen jüdischer
Lieder. Nicht alle Vorlagen Schostakowitschs waren auffindbar, doch die in
Seefeld höchst emotional verdichtet vorgetragenen, zeugten von enger
Verbundenheit Schostakowitschs mit der jüdischen Kultur. Frenetischer Applaus
und eine ausgedehnte, mit theatralischen Mitteln angereicherte Zugabe.
REINHARD PALMER
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(Thüringer Allgemeine vom 6.8.07)
Ungewohnte Klänge
Besonderes Konzert in der Margarethenkirche mit dem "modern klezmer
quartet"
Im nahen Weimar läuft gerade das Musikfestival "Yiddish
Summer", aber auch das Gothaer Publikum erwartete am Freitagabend ein
einprägsames Klezmer-Konzerterlebnis in der Margarethenkirche.
Schließlich waren mit dem "modern klezmer quartet" vier Musiker zu hören,
die sich der jiddischen Musik verschrieben haben, nicht nur in dieser
Zusammensetzung. Die Margarethenkirche war gut besucht, und das Publikum bekam
an diesem Ort ungewohnte Klänge zu hören. Denn das Quartett mit Andrea Pancur
aus München (Gesang), Franka Lampe aus Berlin (Akkordeon), Georg Brinkmann aus
Bonn (Klarinette, Bassklarinette, Saxophon) und Horst Nonnenmacher aus Berlin
(Bass) spielte von Dimitri Schostakowitsch "11 Lieder aus jüdischer
Volkspoesie". Der Zyklus, 1948 eigentlich für Orchester und drei Stimmen
komponiert, war von dem Quartett bearbeitet worden - die Musiker konzentrierten
sich auf die Klezmeranteile der 11 Lieder, und die wurden beim Konzert in der
Margarethenkirche auch wunderbar interpretiert. [...], aber insbesondere bei
den für die Klezmermusik so typischen traurig-fröhlichen, mitreißenden Stücken
war der Bann gebrochen. Sein Können auf diesem Gebiet zeigte das
"modern klezmer quartet" auch bei den drei Zugaben, die auf dem
Nachhauseweg im Ohr blieben.
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